12 März 2007

Von Palm Springs auf die Bajo California

Mittwoch, den 7. März 2007
24. Tag

Wir brechen früh in Palm Springs auf und fahren nach San Diego, geben das Auto am Flughafen ab und machen uns zum Balboa Park auf, dem Museumsdistrikt der Stadt. Hier im Museum of Art wird eine Annie Leibovitz-Ausstellung mit über 200 Bildern aus den Jahren 1990 bis 2005 gezeigt. Erstmals sind neben den bekannten Zeitschriftenarbeiten auch Fotos aus ihrem privaten Umfeld zu sehen, darunter viele von ihrer Lebensgefährtin Susan Sontag, deren Krebserkrankung sie bis zu deren Tod 2004 dokumentierte. Die Ausstellung ist beeindruckend und wieder einmal stimmt der Ausspruch "Size matters". Je größer der Photoabzug, desto größer die Wirkung.

Schade, dass wir nicht mehr Zeit für die Stadt haben, denn das, was wir während der Taxifahrten sehen, sieht gut aus. San Diego liegt direkt am Meer, es ist hügelig wie San Francisco, hat eine schöne Architektur und interessante Läden. Wir wollen aber endlich nach Mexiko. Also besteigen wir die Strassenbahn, zahlen 2,50 Dollar pro Nase und zockeln eine halbe Stunde durch öde Vororte Richtung Grenze.

So streng die USA bei der Einreise sind, so lax sind sie bei der Ausreise. Keine Kontrollen, kein Nichts. Die Einreise nach Mexiko ist genauso einfach. Kein Kontrollen, keine Grenzbeamten. Im Visitor Center erfahren wir, dass wir ein Touristenvisum brauchen. Der zuständige Beamte guckt gerade im Fernsehen einen Tom Cruise-Film und nur unter Aufbietung all seiner Kräfte gelingt es ihm, während einer nicht so spannenden Szene zwei Formulare auf die Theke zu hieven und nach weiteren endlosen Minuten findet er sogar zwei Kugelschreiber, damit man das Formular auch ausfüllen kann. Bezahlen muss man ein paar Büros weiter und wenn das erledigt ist, geht man wieder zurück zum Tom Cruise-Fan, der das gestempelte Formular mustert, den unteren Bereich abreisst und einem gibt. Das ist jetzt unser Nachweis, dass wir uns legal im Land aufhalten. Dabei fällt uns auf, dass wir noch unser US-Visum haben. Der Reiseführer hatte extra daraufhingewiesen, dass man vor dem Verlassen der Staaten daraufachten soll, diesen grünen Zettel abzugeben, sonst wird man automatisch nach 90 Tagen in die Rubrik "Untergetaucht" einsortiert und damit ist eine Wiedereinreise in die USA in der Zukunft so gut wie unmöglich. Also machen wir uns mit unserem Gepäck wieder in Richtung USA auf den Weg. Vor dem Einreiseschalter wartet eine ungefähr 200 Meter lange Schlange, die millimeterweise nach vorne rückt. Gerda findet schliesslich jemanden Offizielles, der uns auch ohne Warterei die Visa aus dem Pass nimmt. Hoffentlich landen sie auch an der richtigen Stelle, sonst - siehe oben.

Tijuana ist ein Grenzstädtchen, voll mit billigen Ramschläden, Duty Free-Angeboten, vielen Bordellen und Spielhöllen. US-Amerikaner fahren hier gerne hin, weil das Preisniveau deutlich unter dem der USA liegt und hier vieles erlaubt ist, was auf der anderen Seite der Grenze verboten ist. Auch im Reiseführer fanden wir nichts, was uns gross interessiert hätte und so steigen wir in den Bus nach Ensenada, gute 1,5 Fahrtstunden entfernt. Auch dieses Städtchen lebt von amerikanischen Touristen, vornehmlich solchen, die mit Kreuzfahrtschiffen ankommen, aber es ist nicht so überlaufen wie Tijuana.

Wir nehmen im Bahia-Hotel Quartier, trinken in der Bar einen Begrüssung-Margerita und gehen anschliessend äusserst leckeren Fisch essen. Das Mexiko-Abenteuer kann beginnen.


Donnerstag, den 8. März 2007
25. Tag

Heute ist Internationaler Frauentag und zur Feier des Tages beschliessen wir, es mal ruhig angehen zu lassen. Nach einem ausgiebigen Frühstück widmet Gerda sich ihren Spanisch-Studien und ich mich meinem Las Vegas-Buch über den Erfolg der Super-Casinos. Nachmittags besorgen wir uns Busfahrkarten nach Guerrero Negro, Geld aus dem Automaten und gehen noch ein bischen in der Stadt spazieren. Während sich in Hafennähe Restaurants, Bars, Souvenirläden (Silberschmuck, Lederwaren und Tonzeug ) und Drugstores drängen, sind es ein paar Strassen weiter Schuhläden, Autowerkstädten und Reifendienste, die das Bild prägen.

In Mexiko gibt es (wie schon Kalifornien) eine überraschende Kreuzungsregelung im Strassenverkehr. An jeder Kreuzung müssen alle stoppen. Wer zuerst da war, darf zuerst weiterfahren. Da bei den schachbrettartig-angelegten Strassen alle naselang eine Kreuzung kommt, fliesst der Verkehr schön langsam und entspannt. Fussgänger scheinen ein besonderes Ansehen zu geniessen. Sobald wir auch nur andeuten, den Bürgersteig zu verlassen, stoppt der gesamte Verkehr und gewährt uns Vorrang.


Freitag, den 9. März 2007
26. Tag

Um 10 Uhr geht unser Bus und wir finden uns kurz vorher im Busbahnhof ein, fragen uns bei vier Personen durch bis wir vor dem richtigen Fahrzeug stehen, geben unsere Fahrkarten, auf denen das Fahrziel und die Sitzplatznummern gedruckt sind, dem Fahrer, der sie aufmerksam studiert, sie abreisst und uns unsere Hälfte wiederzurückgibt. Wir richten uns für die lange Fahrt (10 Stunden) ein, breiten uns aus und warten darauf, dass es losgeht. Um 10.10 Uhr kommt Unruhe auf, unsere Plätze sind anscheinend zweimal verkauft worden. Nochmalige Prüfung unserer Fahrkarten. Entwarnung. Kein Problem. Wir sitzen nur im falschen Bus. Also im Schweinsgalopp alle Sachen zusammengerafft, das Gepäck wieder ausgeladen und zum anderen Busbahnsteig gerannt, wo, Gott sei Dank, unser Bus noch auf uns wartete.

Das erste, was mir im Moment zu Mexiko einfällt, ist Staub. Dieses Land ist bis jetzt vor allem staubig. Ca. 600 Kilometer ist unser Ziel, Guerra Negra, entfernt und der Bus fährt durch kleine Käffer, wo nur die Hauptstrasse geteert ist. Die Nebenstrassen bestehen aus feinem braunen Sand, der durch den Wind immer ein bischen aufgewirbelt wird. Die Ortschaften wechseln sich mit Autofriedhöfen und wilden Müllkippen ab. Irgendwann wird die Besiedlung immer spärlicher und die Wüste beginnt. Tausende von Kakteen säumen jetzt die Strasse, dazwischen wieder brauner Sand. Insgesamt vier Mal wird der Bus auf der Strecke an Militärposten oberflächlich nach Drogen und Waffen durchsucht.

Was muss ich in den Kommentaren lesen? Wir verpassen wichtige Filme? Nichts da. Denn jeder Überlandbus hat ein ausgesuchtes Videoprogramm an Bord. Wir bekommen "Mona Lisa Smiles" mit Julia Roberts und "50 First Dates" mit Adam Sandler geboten. Der englische Ton ist kaum zu hören und die spanischen Untertitel verstehe ich nicht, aber ist es nicht schön, einfach mal die Bilder für sich sprechen zu lassen?

Um kurz vor 20 Uhr kommen wir an und dürfen gleich unsere Uhr um eine Stunde vorstellen. Wir sind nun nur noch acht Stunden hinter Europa zurück. Direkt neben dem Busbahnhof finden wir ein sauberes preiswertes Motel, direkt an der Hauptstrasse. Wir können unser Glück gar nicht fassen, sind doch in den langweiligen, ruhigen Nebenstrassen alle Räume ausgebucht. Wir aber sind wieder da, wo die Action ist. Das Schöne am Wohnen in Busbahnhofnachbarschaft ist, dass man sein Gepäck nicht so weit schleppen muss. Ausserdem hört man die ganze Nacht das beruhigende Brummen der Dieselmotoren, denn richtige Busfahrer machen ihren Motor nie aus, auch nicht, wenn sie um drei Uhr morgens für 20 Minuten Kaffeepause machen.

Zwischen Alufenster und Wand haben die Handwerker einen daumenbreiten Spalt gelassen, damit sich der Fensterrahmen bei Bedarf ausdehnen kann. In der Zwischenzeit, zum Beispiel heute Nacht, sorgt die Öffnung für frische Zugluft. Man hört die Dieselmotoren nicht nur, man riecht sie auch. Wenn einem soviel Schönes widerfährt, dass ist schon ein, zwei Fläschchen Corona wert.


Samstag, den 10. März 2007
27. Tag

Guerrero Negro ist der größte Salzproduzent der westlichen Hemisphäre, lesen wir im Reiseführer. 20.000 Tonnen Salz werden hier jeden Tag produziert. Damit kann man eine Menge Salzstreuer füllen. 65 Prozent der Produktion gehen übrigens nach Japan. Zwischen Kyoto und Kobe ist man ganz jeck nach diesem Salz.

Jeck ist das richtige Stichwort. Köln hat den Karnewal, Guerrero Negro aber hat den Grauwal - soviel Kalauer muss mal zwischendurch erlaubt sein. Die Grauwale machen sich jedes Jahr im Dezember von der Arktis auf den Weg nach Guerrero Negro, um hier in der Hasenaugenbucht ihren Nachwuchs zu gebären. Das besonders salzhaltige Wasser sorgt dafür, dass die Kleinen, die glaube ich, gar nicht sooo klein sind, nach der Geburt schnell an die Wasseroberfläche gelangen und zu atmen anfangen. Wale werden übrigens mit dem Schwanz voraus geboren, sonst würden sie während der Geburt ersticken. Was man alles lernt, während man doch eigentlich nur nach Mexiko wollte.

Ist es nicht ein erstaunliches Zusammentreffen, dass die Wale wegen des Salzes kommen und die Japaner, die eine der wenigen Nationen sind, die, wenn auch nur aus rein humanitären Gründen, immer noch Wale abschlachten, wenn also diese Japaner auch voll auf das Salz abfahren?

Aber ich schweife mal wieder ab. Wir sind nicht wegen des Salzes gekommen, sondern wegen der Wale. Whale Watching mal anders. Nicht dicke Amerikaner in der Shopping Mall heimlich beim Einkaufen begaffen, sondern auf dem offenen Meer der Kreatur ins Luftloch schauen. 40 Dollar pro Person kostet die vierstündige Tour, die übrigens ökologisch und moralisch voll korrekt ist. Wale freuen sich, wenn man ihnen beim Schwimmen zuschaut. Ja, es gibt sogar Gerüchte, die besagen, dass die Wale extra den langen Weg machen, weil in dieser Bucht immer so lustige kleine Boote auf den Wellen schaukeln, wo Leute angestrengt übers Wasser starren und auf irgendetwas warten, und die Wale kommen, weil sie diese Leute sehen und wissen wollen, auf was diese Leute eigentlich warten.

Vier Stunden lang Wale beim Schwimmen zu zusehen, wer soll das denn aushalten? Keiner. Deshalb besteht die Tour aus 45 Minuten Anfahrt und 45 Minuten Abfahrt, 15 Minuten Schwimmwesten anlegen und einsteigen und 15 Miunten aussteigen und Schwimmwesten wieder ausziehen sowie 20 Minuten Lunchpaket verzehren. Bleibt fürs Walegucken noch 1 Stunde und 40 Minuten. Was auch reicht, weil auf'm Wasser ist es zu dieser Jahreszeit noch scheisskalt, auch wenn man alle seine warmen Sachen angezogen hat, weil man war ja auch schon mal an der Nordsee und kennt sich aus in der Welt.

Was das Whale Watching aus Marketing-Sicht so schwierig macht, ist, dass der Wal, der Eisberg unter den Meeresbewohnern ist. Mindestens 90 Prozent des Wals sind immer unter Wasser. Mal sieht man die Wasserfontäne, mal sieht man den Rücken, mal sieht man die Schwanzflosse, aber selten sieht man den Wal so ganz aus dem Wasser hüpfen, wie man das aus den Vorführungen in Sea World kennt. Trotzdem war es natürlich ein ganz besonderes Erlebnis, sowas mal erleben zu dürfen. Die gute Nachricht für euch daheim: Es gibt noch Wale, zumindest Teile davon.

Was macht eigentlich mein Fuss, höre ich die Sensibleren unter euch besorgt fragen. Der tut immer noch weh. Ist ja auch kein Wunder, wenn man sich mit einem komplizierten Splitterbruch im Mittelfussknochen durch Mexiko schleppt. Mittlerweile humpele ich so wie Kevin Spacey in "Die üblichen Verdächtigen". Aber nur wenn Gerda hinguckt.

2 Comments:

At 11:26 AM, Anonymous Anonym said...

Also ehrlich du warmduscher da schaust du die herrlichsten und mächtigsten tiere der welt an und der sinn steht dir nur danach so schnell als möglich ins warme zu kommen. Und dann dieser fuß schneid ihn ab und stolziere wie kapitän ahab über deck, erhobenen hauptes und zeig den japsen was eine harke ist.
du bist auf adventure tour und nicht einen stock tiefer in deiner warmen bude etwas mehr haltung du nachfahre von humboldt.

gruss thomas

 
At 2:14 AM, Anonymous Anonym said...

Heute hatte ich einen nicht so guten Tag. Also, so dachte ich, schaue ich mir mal wieder den Reisebericht an. Und? Mein Lachen ist wieder da. Ich kenne wirklich niemand, der so amüsant beschreiben kann. Mit einem Lächeln gehe ich wieder durch den Tag. Vielen Dank!

 

Kommentar veröffentlichen

<< Home