24 Februar 2007

Havanna 2. Lieferung

Freitag, der 16. Februar 2007
5. Tag

Kuba hat laut Reiseführer 330 Sonnentage. Warum der überwiegende Teil der Regentage ausgerechnet mit unserer Anwesenheit zusammenfällt, wissen die Götter. Ein Taxifahrer jedenfalls prophezeit 4 kalte regnerische Tage. Und in der Tat regnet es heute ohne Unterlass. Eine gute Gelegenheit zum Hotel Melia Cohiba nach Vedato zu fahren, wo es den einzigen WLAN-Hotspot von Havanna gibt. Gesagt, nicht getan. Es gibt nämlich kein freies Taxi.

Exkurs: Fortbewegung in Havanna ist ein ewiges Thema. Folgende Transportmittel stehen zur Verfügung: die eigenen Füsse, Fahrradtaxis (die keine Ausländer mitnehmen), Moped-Rikschas in Ei-Form (die bei schlechtem Wetter nicht fahren), die alten amerikanischen Strassenkreuzer, die als Sammeltaxi dienen und feste Routen fahren (und die in der Regel auch nur Einheimische mitnehmen, ausser sie sind leer, was aber niemals vorkommt), öffentliche Busse, die so voll sind, dass die Leute die vorne einsteigen, die Passagiere hinten wieder rausdrücken (nie würden wir mit diesen Bussen fahren können, denn es gibt keine Fahrpläne und keine Hinweise, wohin diese Busse fahren. Busse sind überhaupt Mangelware, seit einiger Zeit verkaufen die Chinesen Reisebusse nach Kuba, diese modernen Fahrzeuge werden vorallem in der Touristik und im Überlandverkehr eingesetzt. In Havanna fahren einige gebrauchte Linienbusse aus Holland rum, die noch die alten Hinweisschilder haben. So sahen wir einen Bus mit der Destination "Amsterdam Centralstation" und einen nach "Drachten".) Das normale Fortbewegungsmittel für Touristen ist das Taxi. Die stehen vor den großen Hotels, werden per Telefon bestellt (falls nicht dauernd besetzt ist) oder auf der Straße angehalten. Bezahlt wird mit CUC. Die Fahrten sind innerhalb des Zentrums von Havanna recht preiswert. Ca. 3 CUC bezahlt man etwa für die zehnminütige Fahrt von der Altstadt nach Vedado.

Centro Habana im allgemeinen und die Calle Lealtad (Loyalität), in der wir wohnen, gehört nicht zu den Strecken, wo Devisen-Taxis normalerweise cruisen. Doch am nahegelegenen Strandboulevard Malecon ist es in der Regel nicht schwer, einen Wagen zu finden. Aber heute peitscht der Wind das Wasser über die Steinmauer und die Autofahrer meiden die Strasse. Nach 20 Minuten Warterei sind wir trotz Regenjacke durchnässt und geben die Sucherei auf. In der Casa sitzen wir den Regen aus und starten am Abend einen zweiten, erfolgreichen Versuch das Hotel Cohiba zu erreichen. Das mit dem WLAN-Internet klappt auf Anhieb, leider ist die Leitung aber so langsam, dass ein Hochladen von Bildern nicht möglich ist.


Samstag, der 17. Februar 2007
6. Tag

Das Wetter hat sich wieder gebessert und so machen wir uns am späten Vormittag zum Museo Nacional de Bellas Artes auf, wo die größte Sammlung kubanischer Malerei vom Beginn der Kolonialzeit bis heute gezeigt wird. Die Gegenwartskunst hat nichts mit dem Sozialistischem Realismus zu tun, den man aus Ländern wie der DDR und der Sowjetunion kennt. Eine Sonderausstellung zeigt die aktuellen Bilder eines kubanischen Malers, die unter dem Titel "Thriller" Sujets aus der Halb- und Unterwelt zeigen: Barszenen mit Prostituierten und Strichern, Matrosen und Mafiosis.

Wir nehmen einen Nachmittagsdrink auf der Terrasse des Hotel Inglaterras und schlendern dann zurück zur Casa. Hans L. müsste bald landen und wir wollen dasein, wenn er ankommt. Da passiert das Unerwartete: zwei Jungs, vielleicht zehn Jahre alt, reissen mir die Kamera aus der Hand und hauen damit ab. Zum Glück habe ich meine schnellen Schuhe an und nehme die Verfolgung auf. Schon an der nächsten Ecke schmeissen sie die Kamera weg und verschwinden in der Menge. Havannas Strassen sind übersäht mit Schlaglöchern, die mit Schutt und Sand nur notdürftig geflickt werden. Meine Kamera landet ausgerechnet auf dem einzigen betonierten Stück weit und breit. Das Objektiv überlebt den Fall nicht, der Zoom lässt sich nicht mehr bewegen und der Autofokus funktioniert auch nicht mehr. Das Kameragehäuse hat jetzt einen schönen Sprung in der Aluminiumhaut, scheint aber ansonsten noch in Ordnung zu sein. Das war's erst mal mit Fotos in Havanna. Denn natürlich gibt es in dieser 2,5 Mio-Stadt keinen Laden, der Canon-kompatible Objektive verkauft.

Ich hatte jetzt nicht erwartet, dass man Fidel Castro von dem Vorfall unterrichtet, aber das völlige Desinteresse der örtlichen Polizeidienststelle ist doch etwas desillusionierend. Als ob sie mir eine besondere Gunst erweisen würde, reicht mir die diensthabende Polizistin eine Fragebogen, erledigt dabei ein längeres privates Telefonat, schaut auf meinen ausgefüllten Fragebogen, ist offentsichtlich nicht zufrieden, überlegt sich eine weitere Frage, die ich wiederum auf englisch auf dem Fragebogen beantworte, guckt sich wieder den Fragebogen an, ist noch immer nicht zufrieden, denkt sich eine weitere Frage aus, die ich auch auf englisch beantworte und so weiter, bis ich endlich kapiere, dass ich diese Polizeistation nicht eher verlassen werde, bis ich auch die zweite Seite des Fragebogens vollständig beschrieben haben werde. Also hole ich bei der nächsten Frage weit aus, schwafele rum, male schöne große Buchstaben und stoppe am Ende des Blatts mitten im Satz, in der wohl richtigen Annahme, dass dies sowieso nie jemand lesen wird. Und tatsächlich die Beamtin ist zufrieden, ich unterschreibe und ziehe von dannen.

Die Ereignisse des Tages werden am Abend in einigen Wasserstellen der Stadt von Hans, Gerda und mir ausgiebig besprochen.



Sonntag, der 18. Februar 2007
7. Tag

Es ist kalt in Havanna. Am frühen Nachmittag Aufbruch zum Inglaterra, der Abend steckt noch in den Knochen. Um 16 Uhr finden wir uns vor den Gran Teatro de Habana ein, um unsere Copelia-Eintrittskarten zu bezahlen. Armando ist da und strahlt uns mit all seinen Goldzähnen an. Bei den Eintrittskarten handelt es sich um Karten, die für Promotionzwecke zurückgelegt waren. Vor dem Theater versuchen noch andere, ihre Karten an ausländische Besucher zu verkaufen. Armando hat mit seinem Kartenverkauf 60 CUC verdient, das ist das 1,5fache was ein Professor im Monat verdient!

Das Ballett Copelia (der berühmte Eissalon an der Rampa in Vedado ist danach benannt) handelt von einem jungen Mann, der sich in eine mechanische Puppe verliebt und diese am Ende heiratet. Gay Habana ist an diesem Sonntagnachmittag reichlich vertreten und spendet dem Solotänzer lautstark Beifall.


Montag, der 19. Februar 2007
8. Tag

Zuhause ist Rosenmontag und wir Habeneros haben eine lausig kalte Nacht hinter uns. Unsere Zimmer haben zwar eine Klimaanlage, aber nur dünne Decken zum Zudecken. Angeblich wird auch in Kuba Karneval gefeiert. Aber wann und wo, ist nicht herauszukriegen. Die Reiseführer widersprechen sich und die Kubaner wissen es nicht oder verstehen uns nicht.

In einem Hotel am Park Central hatte ich gehört, dass im Hotel Habana Libre, dem ehemaligen Hilton Hotel, wo Fidel Castro kurz nach der Revolution für mehrere Monate seine provisorische Regierung eingerichtet hatte, ein Photoladen sein sollte. Wir also schön am Malecon entlang zum Hotel, wo besagter Laden tatsächlich existiert. Allerdings bieten sie keine Hardware an, man kann lediglich seine Filme entwickeln lassen.

Am Nachmittag besuchen wir die Catedra Humboldt, wo unter unsäglichen Umständen versucht wird, die deutsche Kultur an Studenten weiterzugeben. Das Institut ist einer baufälligen Villa in der Nähe der Uni untergebracht. Das Dach ist nach Jahren der Undichtigkeit endlich repariert, aber die Fenster sind immer noch undicht und bei vielen fehlen Scheiben.

Nun fragt man sich zurecht, warum so ein reiches Land wie Deutschland es nicht schafft, dieses kleine Institut zu unterstützen und seinen Teil zur Verbreitung deutscher Kultur beizutragen. Und jetzt wird es kompliziert. Zwischen Kuba und Deutschland gibt es kein Kulturabkommen. Zwischen Kuba und der Europäischen Union herrscht wegen Meinungsverschiedenheiten in Menschenrechtsfragen eine diplomatische Eiszeit. Fidel Castro lehnt finanzielle Unterstützung aus EU-Staaten seit dem ab. Diese und eine Menge anderer interessanter Sachen kann man in dem Buch "Eiszeit in den Tropen", das der ehemalige deutsche Botschafter in Kuba, Bernd Wulffen, geschrieben hat, nachlesen.

Die Catedra bietet im übrigen ein dreimonatiges unbezahltes Praktikum. In der Zeit gibt man den Studenten Deutschunterricht. Als Gegenleistung bekommt man Spanisch beigebracht. Ein reizvolles Angebot, über das ich jetzt dauernd nachdenke.


Dienstag, der 20. Februar 2007
9. Tag

Es erwartet uns ein weiteres Lehrstück in Sachen kubanischer Bürokratie. Wer als Privatmann oder -frau Zimmer vermietet, meldet das bei irgendeiner Behörde an und bekommt dann ein Buch, wo die Gäste eingetragen werden. Der Gast erhält von seinem Vermieter eine Bescheinigung, die er bei der Ausreise vorlegt. Da unsere Vermieter noch neu im Geschäft sind, haben sie dieses Buch noch nicht und so müssen wir mit ihnen zu Meldestelle, um uns dort die entsprechende Marke auf unser Visum kleben zu lassen.

Um 7.30 Uhr brechen wir auf. Leider gibt es mal wieder keine Taxen. 40 Minuten vergehen, bevor wir ein freies Fahrzeug erwischen. Vor der Meldestelle wartet schon eine längere Menschenschlange auf uns. Gott sei Dank ist das Wetter wenigstens wieder gut. Denn Unterstellmöglichkeiten gibt es keine. Nach zweieinhalb Stunden sind wir ordnungsgemäß angemeldet, aber wie das ganze funktioniert haben wir nicht kapiert. Denn angeblich hätte ich gar nicht hingebraucht und nur Gerda, weil in ihrem Visa etwas entsprechendes eingetragen wurde. Ein Merkblatt, woran sich ein Vermieter orientieren könnte gibt es nicht. Auch scheint jeder Beamter auf Nachfrage eine andere Auskunft zu geben.

Angesichts des schönen Wetters beschliessen Hans, Gerda und ich einen längeren Spaziergang nach Vedado zu unternehmen. Ohne Kamera läuft es sich ganz leicht, auch wenn ich jetzt eine gewisse Daseinsleere verspüre. Was bin ich, was ist diese Reise ohne Fotodokumentation wert?

Wir nehmen eine Fischmahlzeit in einer wunderschönen Villa in Vedado ein, die einmal einem Zuckerbaron gehörte. Es ist erstaunlich wie trocken ein Tier schmecken kann, das doch sein ganzes Leben im Nassen zu bringt.

Unser Rückweg führt uns an der ständigen Vertretung der USA vorbei. Dort tobt seit Jahren ein Krieg der Plakate. Die Vertretung ist umstellt von Plakatwänden auf denen zum Beispiel Präsident Bush mit Hitler verglichen wird. Nicht sehr subtil.

Hans kann sich gerade noch zur Casa zurückschleppen, bevor die Blasen an seinen Füssen ein weiteres Gehen völlig unmöglich machen. Dagegen gibt es nur ein Gegenmittel: einen ausschweifenden Abend. Um 2.30 Uhr sind wir schwer angetrunken wieder zuhause.

Mittwoch, der 21. Februar 2007
10. Tag

Verdammter Alkohol! Ich habe einen ausgewachsenen Kater, der auch nach dem Frühstück nicht weggeht. Im Gegenteil er wird immer schlimmer. Kopfschmerzen, Übelkeit und am Abend auch noch Schüttelfrost. Dann stolpere ich auch noch in der Altstadt über eine Bordsteinkante und knicke so blöd mit dem Fuss um, dass ich nur noch humpeln kann. Der Fuss schwillt schön an und ich kann kaum noch auftreten. Havanna, was habe ich dir getan?

Am Nachmittag treffen wir uns mit einem deutschen Freund von Hans, der mit einer Kubanerin verheiratet ist, und sich immer wieder für längere Zeit in Kuba aufhält. Am Abend dann Essen mit zwei kubanischen Bekannten von Hans. Wir bekommen wieder jede Menge Einblick in den normalen kubanischen Alltag. Das Land ist in zwei Gruppen geteilt: die Einwohner, die Zugang zu Devisen haben und die die keinen haben. Mit Devisen kann man fast alles kaufen. Es gibt Shopping-Center, deren Angebote mit unseren vergleichbar sind. Zugang zu Devisen haben Leute, die im Tourismusbereich arbeiten und Trinkgelder bekommen, Leute, die für ausländische Firmen tätig sind und ihr Gehalt in CUC bekommen und Leute, die Verwandte im Ausland haben (Schätzungen sprechen davon, dass die Überweisungen der Exilkubaner bereits ein Drittel des Staatshaushaltes ausmachen, aber wie soviele Angaben lässt sich auch diese nicht belegen). Der Umrechnungskurs zwischen dem normalen Pesos und dem CUC beträgt zwischen 1:20 und 1:24, also für 20 normale Pesos erhalte ich einen CUC. Jeder Kubaner kann ganz offiziell seinen normalen Pesos gegen CUC's tauschen. Deshalb gibt es auch keinen Devisen-Schwarzmarkt mehr. Benzin zum Beispiel gibt es nur gegen CUC's.

Wer ohne CUCs auskommen muss, ist im wahrsten Sinne ein armer Hund. Zwar werden nur geringe Mieten (wenn überhaupt) gezahlt und viele Grundnahrungsmittel gibt es auf Bezugsschein. Aber die Qualität dieser Waren ist meist nicht gut, ausserdem reichen die Mengen nicht über den Monat und oft gibt es viele Sachen auch nicht. Ein Rentner muss von 120 Pesos im Monat leben, dass sind also vier bis fünf CUCs. Ein Brot kostet schon 10 Pesos. Ein Professor oder eine Ärztin bekommen 600 bis 700 Pesos pro Monat. Kein Wunder, dass die Jugend lieber in die Tourismus-Branche will als zu studieren, oder dass sich viele Frauen und junge Männer prostituieren. 30 CUCs ist der Tarif für eine Nacht. Wer jemanden auf sein Hotelzimmer mitnehmen will, muss auch noch die Rezeption und die Wachmänner vor der Tür mit einer Gabe milde stimmen. Bei vielen kostenlosen Dienstleistungen lassen sich Wartezeiten durch Zahlen von CUCs verkürzen.

Havanna ist ohne Zweifel einer der schönsten Städte der Welt. Trotzdem ist der Verfall rasant. Das tropische Klima und die Wirbelstürme der vergangenen Jahre machen der Bausubstanz schwer zu schaffen. Seit in den 90er Jahren die Altstadt von Havanna zum Weltkulturerbe erklärt wurde, ist zwar viel restauriert worden, aber die Herkules-Arbeit überfordert einfach die Mittel des Landes. Kein Häuserblock, in dem nicht mindestens eine Ruine steht. Die Häuser werden stockwerksweise aufgegeben. Erst wird das Dach undicht, dann dringt das Wasser ins oberste Stockwerk ein, wenn die Decke zusammenbricht, harren die Menschen im Stockwerk drunter weiter aus. Ausserdem hat Havanna ein Problem mit der Luftverschmutzung. Von Katalysatoren hat hier augenscheinlich noch niemand gehört, die Autos und Busse russen um die Wette. Mitten im Stadtgebiet spuckt eine Raffenerie unablässig schwarzen Qualm aus. Allein die Seebrise sorgt dafür, dass der Habanero noch zu Atem kommt.

1 Comments:

At 5:48 AM, Anonymous Anonym said...

Deine Beschreibungen sind dermaßen bildhaft, daß die Vorstellung einer kaputten Kamera vorerst zu verkraften ist. Vielen Dank für die bezaubernden und witzigen Darstellungen.

 

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