Havanna 1. Lieferung
Montag, der 12. Februar 2007
1. Tag
Köln macht mir den Abschied leicht. Es regnet in Strömen. Die Air France-Maschine nach Paris hebt in Düsseldorf fast pünktlich ab - nur 15 Minuten Verspätung. Was dazu führt, dass mir in Paris nur 45 Minuten bleiben, um die Maschine nach Havanna zu erreichen. Der Flughafen Charles de Gaulle ist wie alle internationalen Flughäfen riesig, unübersichtlich und so dürftig ausgeschildert, dass selbst die Information nicht auf Anhieb sagen kann, wo der Transferbus zu meinen Abflugterminal abfährt.
Während meine Boardingtime langsam aber sicher abläuft, steckt der Transferbus im dichten Verkehr des Flughafens fest. Als ich endlich das Terminal erreiche, bremst mich als nächstes die Passkontrolle aus und dann der Sicherheitscheck. Doch da ich weder Schuhe mit Stahlkappen noch einen Gürtel trage und auf alle Flüssigkeiten und Cremes im Handgepäck verzichtet habe, komme ich gut durch, um dann fünf Minuten vor Schluss des Boardings festzustellen, das vor mir noch gut 200 Reisende darauf warten, endlich ins Flugzeug zu kommen. Mal wieder alle Aufregung umsonst.
Mit einer Stunde Verspätung hebt die Boing 747 der Air France dann gegen 14.30 Uhr endlich ab. Man kann gegen die Air France viel sagen, zum Beispiel, dass sie mich mitten in eine Gruppe aufgekratzter Dänen gesetzt hat oder dass es auf einem Zehnstundenflug nur zwei Filme gibt oder dass beim Landeanflug auf Havanna ein Video über den Flughafen Charles de Gaulle gezeigt wird oder dass die Töchter und Söhne der Grande Nation auch als Stewardess und Steward sich erfolgreich weigern, die englische Sprache anzuwenden, aber das Essen ist wirklich erstklassig (natürlich nur im Flugcatering-Masstab). So gibt es eine gute Flasche Rotwein zum Essen und - das erste Mal seit dem 11. September, dass ich dies erlebe - ein richtiges Messer!
Aber genug der Flugfolklore. Gegen 0.30 Uhr mitteleuropäischer Zeit (18.30 Uhr Ortszeit) landen wir in Havanna. Die Perle der Karibik macht es dem Reisenden nicht leicht, sie in sein Herz zu schließen. Wie eine launische Diva stößt sie ihn immer wieder zurück, stellt ihn auf die Probe, ob er ihrer würdig ist.
Die 1. Prüfung: die Passkontrolle. Drei bis fünf Minuten dauert die Überprüfung, ob der Reisende mit seinem Pass identisch ist. Vor mir stehen ungefähr 15 andere Touristen. Während der Überprüfung steht der Reisende vor einer Art Theke, über seinem Kopf ist ein Spiegel angebracht, der gnadenlos das lichte Haar am Hinterkopf offenbart. Dem Passbeamten wiederum sieht eine Videokamera über die Schulter und verfolgt alles, was er in seinen Computer eintippt. Dann nach einer kleinen Ewigkeit wird der Pass gestempelt, an den Reisenden ausgehändigt und der Summer für die Tür nach Kuba betätigt. Der Reisende tritt beschwingt ein - und findet sich in der nächsten Schlange wieder.
Die 2. Prüfung: Handgepäck-Durchleuchtung nach der Landung. Das dürfte wohl weltweit einmalig sein, in Havanna wird man auch nach der Landung noch mal durch eine Röntgenschleuse geschickt. Innerhalb von zehn Minuten ist auch dies überstanden.
Seit Landung des Flugzeugs sind nun gut sechzig Minuten vergangen. Das ist doch eigentlich genug Zeit, um ein Flugzeug auszuladen und das Gepäck aufs Band zu schmeissen. Nicht in Havanna! Es dauert nochmal eine halbe Stunde, bis meine Tasche auf dem Laufband gemächlich auftaucht. Dann ist auch die 3. Prüfung vorbei.
Für die Fahrt vom Flughafen José Martí in die Innenstadt zahlt man in einem offiziellen Taxi 25 Pesos Convertibel. Die muss man aber erst mal haben. Den CUC, wie wir ihn ab jetzt nennen wollen, kann man nur in Kuba tauschen. Ihr wisst, was jetzt kommt: Alle Reisenden, die man schon in den ersten drei Schlangen getroffen hat, trifft man vor der Wechselstube wieder. So entstehen gleich bei der Einreise Freundschaften fürs Leben. Nach weiteren 20 Minuten ist auch diese, die 4., Prüfung vorbei.
Reisender, du hast es geschafft, Havanna nimmt dich endlich in ihre Arme. Arme, die feuchtwarm sind, denn wir sind in der Karibik. Ich öffne das Taxifenster und lasse die laue Nachtluft um meine Nase wehen.
Havanna liegt wie erwartet in Dunkelheit. Es ist kurz vor neun Uhr abends, aber die ganze Stadt macht den Eindruck, als ob sie schliefe. Was natürlich falsch ist. Aber Energie ist kostbar in Kuba und deshalb wird Havanna nachts nur von einer einzigen 40 Watt Birne beleuchtet. (Nachtrag: es sind drei!) Die Scheinwerfer des Taxis erfassen immer wieder am Strassenrand Wartende, die auf eine Mitfahrgelegenheit hoffen. In Centro Habana sind die Strassen so schlecht wie vor zwei Jahren, als ich das erste Mal in der Stadt war. Die Häuser sehen in der Dunkelheit noch verkommener aus. Die Casa Verde, eine private Pension in Centro Habana, die für die nächsten elf Tage unser Quartier ist, hat dankenswerterweise ihre Aussenbeleuchtung angelassen, so dass der Taxifahrer ohne Schwierigkeiten die Hausnummer findet.
Zwei Stunden später trifft auch Gerda von Manaus kommend ein. Ich habe schon tief geschlafen und zu mehr als einem Hallo reicht es nicht. Die grosse Wiedersehensfreude muss bis morgen warten.
Dienstag, der 13. Februar 2007
2. Tag
Die Casa Verde ist eine private Pension, die von Freunden von uns betrieben wird. Sie liegt nur wenige Blocks vom Malecón entfernt in Centro Habana im Erdgeschoss eines alten typischen Havanna-Wohnhauses. Unsere Freunde haben ihren Teil des Gebäudes in den vergangenen Jahren unter großem Aufwand restauriert und in einen Zustand gebracht, der hier sonst nur in deutlich teureren Vier- und Fünf-Sterne Hotels zu finden ist.
Der Staat lässt private unternehmerische Aktivitäten in geringem Umfang zu. So darf man zum Beispiel ein Restaurant aufmachen, aber nicht mehr als drei Tische und zwölf Stühle hineinstellen. Pensionen in Centro Habana zahlen als pauschale Steuer jeden Monat 120 CUV - egal, ob Gäste da sind oder nicht. Die Steuer ist je nach Stadtteil verschieden hoch. In der touristischen Altstadt muss man mehr zahlen als etwa im Wohnvorort Miramar.
Der erste Tag in Havanna beginnt ruhig. Mit viel Café con leche und gegenseitigem auf den neuesten Stand bringen. Um elf Uhr, nach einem üppigen Frühstück mit Eiern, Brot und vielen Früchten, machen wir uns auf, zu Fuß Habana Vieja, die Altstadt, zu erkunden.
Als ich vor zwei Jahren das erste Mal hier war, war ich schockiert vom Zustand der Stadt. Alle paar Meter zusammengebrochene Häuser, Strassenzüge, die seit 50 Jahren keinen Eimer Farbe mehr gesehen haben, zerbrochene Fenster, Strassen voller Schlaglöcher und so weiter.
Aber schon nach kurzer Zeit fängt einen der besondere Charme von Havanna ein: Die vielen Menschen, die zu Fuß unterwegs sind. Die Abstufungen der Hautfarbe von hell über Kaffeebraun bis tiefschwarz. Die Alten, die auf verschlissenen Sesseln in ihren ebenerdigen Wohnzimmern sitzen und durch die offenen Türen auf die Straße schauen und auf jemanden warten, mit dem sie ein Schwätzchen halten können. Die Schulkinder in ihren Uniformen, rote Röcke und Hosen für die Grundschüler, braune für die höheren Klassen. Die Oldtimer mit ihrem stumpfen Lack, den keuchenden Motoren und den schwarzen Rußfahnen am Auspuff. Die Schlawiner und Schnorrer, die einem Zigarren, Rum oder ihre Schwester zum Kauf anbieten. Die Live-Musik, die aus den Touristen-Cafes und -Bars nach draussen dringt.
Es sind wohlige 25 Grad, es weht ein laues Lüftchen, und immer wieder bilden sich zeitweise dichte Wolken, aus denen es auch mal tröpfelt. Nach einem mehrstündigen Spaziergang durch die Altstadt lassen wir uns auf der Terrasse des Hotel Inglaterra nieder und bestellen endlich die ersten Cocktails dieser Reise: Daiquiri für Gerda und Mojito für mich. Drei Gläser später hat das karibische Lebensgefühl von uns vollends Besitz ergriffen und wir gehen beschwingt zurück zur Casa - und verschlafen den Rest des Nachmittags. Tropischer Regen weckt uns irgendwann. Über eine Stunde pläddert es mit dicken Tropfen in den Innenhof.
Mittwoch, der 14. Februar 2007
3. Tag
Die Deckenhöhe in kubanischen Altbauten beträgt fünf Meter. So kann die warme Luft gut zirkulieren und die Wohnungen bleiben auch ohne Klimaanlage kühl. Allerdings hat die Wohnungsnot vielfach dazu geführt, dass Zwischendecken eingezogen wurden, um zum Beispiel den Kindern eine eigene Wohnung zu verschaffen. Nach der Revolution (für die jüngeren unter uns zur Erinnerung: Am 1. Januar 1959 flieht Diktator Batista aus Havanna, die Rebellenarmee unter Fidel Castros Leitung zieht unter dem Jubel der Bevölkerung in die Hauptstadt ein.) brauchte man keine Miete mehr zu zahlen, dafür waren die Mieter nun selbst für den Erhalt ihrer Wohnungen zuständig. Wie man am Stadtbild deutlich sieht, waren der Mehrzahl der Bewohner die Tipps von Schöner Wohnen nicht so wichtig.
Kuba kommt mir immer wie das kleine gallische Dorf von Asterix und Obelix vor. Die ganze Welt beugt sich der Führungsmacht USA - nein, nicht die ganze. Ausgerechnet eine kleine Insel mit elf Millionen Einwohnern, 50 Seemeilen vom nordamerikanischen Festland entfernt, pocht seit 48 Jahren darauf, ihren eigenen Weg zu gehen. Für westeuropäische Linke war Kuba von jeher die Projektionsfläche für ihre revolutionären Phantasien - Sommer, Sonne und Sozialismus, so muss das Paradies aussehen.
Die Sonne knallt vom Himmel, gefühlte 35 Grad, nach wenigen Schritten sind wir nassgeschwitzt. Was uns nicht davon abhält, einen sechsstündigen Rundgang mit den Destinationen Universität, Platz der Revolution und Zentralfriedhof zu absolvieren. 800.000 Grabstätten gibt es auf dem Friedhof, und er gehört mit seinen unzähligen Marmorstatuetten und Gebeinhäusern zu den grössten kulturellen Denkmälern Mittelamerikas (wenn ich dem Reiseführer glauben darf). So viele Tote! Wir sind nach diesem Marsch auch nicht mehr so lebendig und gönnen uns an der Rampa ein Nachmittagsmahl. Pollo - Hühnchen - ist immer eine sichere Bank, dazu gibt es frittierte Kochbananen, die wir Bratkartoffeln aussehen und wie Süsskartoffeln schmecken.
Abends machen wir uns mit unserem Kölner Casa-Mitbewohner Otto in die Altstadt zum Mojito-Qualitätsvergleich auf. So weit ich mich erinnere, hatten wir nichts zu beanstanden. Und da ich in meinem Bett aufgewacht bin, sind wir offensichtlich auch gut nach Hause gekommen.
Wichtig für Touristen: Niemals Mojitos mit Moskitos verwechseln! Die Unterschiede: ein Mojito kostet ca. 3 CUV, ein Moskito nichts. Die Wirkung eines Mojitos sollte über Nacht verschwinden. Moskitos halten sich zwei bis drei Tage in Erinnerung.
Donnerstag, der 15. Februar 2007
4. Tag
Der touristische Elan kommt zum Erliegen. Wir schaffen es gerade noch, gegen 14 Uhr zum Hotel Inglaterra aufzubrechen und dort den Nachmittag gebührend mit jeweils einem Mojito und einem Daiquiri zu begrüssen. Zwei Stunden nehmen wir die Parade der Fussgänger vor dem Hotel ab, dann ist das Licht so schön, dass ich raus muss, um zu fotografieren. Wir besorgen uns im nebenan gelegenen Theatro noch schnell Eintrittskarten für die Sonntagsvorstellung des Ballets Copelia (Touristen zahlen den Einheitspreis von 20 CUC, Einheimische 5 bis10 Pesos je nach Sitzplatz). D.h., so schnell nun auch wieder nicht. Erst heißt es, es sind noch reichlich Plätze vorhanden. Dann reicht es für gerade mal 3 Karten, die unser neuer Freund Armando unter einem Karton im Taschenraum hervorzieht ... und dann reicht unser Geld nicht. Der Kartenkauf ist nämlich nicht eingeplant, den haben wir am Vortag eigentlich abgehakt, wegen der Schlangen vor der Vorverkaufskasse. Jetzt ist uns natürlich klar: keine Schlange, keine Karten. Aber, siehe oben, es geht ja doch. Sogar ohne Geld: Wir zahlen eine Karte an, bekommen dafür alle drei in die Hand gedrückt - mit dem Versprechen unsererseits, dass wir Sonntag die beiden anderen auch bezahlen, und dem Versprechen Armandos, uns drei doch irgendwie nebeneinander zu setzen. Wir sind gespannt und werden berichten.
Abends mit der gesamten Casa-Besatzung in eine Bar neben dem Hotel National, wo wir eine kleine kubanische Combo hören und etwas Feuerwasser trinken. (Gott sei Dank enthält jeder Mojito viele lebenswichtige Vitamine in Form von Minze (Vitamin M), Zucker (Vitamin Z) und Rum (Vitamin R), so dass wir mit jedem Schluck etwas für unsere Gesundheit tun.)

3 Comments:
Nobel Prize winning American writer Ernest Hemingway was a regular visitor to Havana in the 20's and 30's and lived here from 1939 to 1960 he was a regular visitor to Havana's old town where he spent his days bar crawling, the Bodeguita was where he would spend the days drinking with the elite of Havana's cultural life who would gather here. As the sun set he would move on to the Floridita where his habit of ordering double daiquiri's earned him the nickname Papa Dobles ("Father Doubles"). Both bars are now crowded with tourists attempting to follow in the footsteps of this American icon.
Welche Marke des Vitamin R nutzt man denn so? Wie wollen Dich nach Deiner Rückkehr ja entsprechend versorgen. Nicht das Du sofort auf Entzug kommst!
Traumhaft schöne Beschreibung! Mehr davon.
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